PARALYMPICS 2016: Was ist schon normal? / Die paralympischen Tage von Rio aus hessischer Sicht

PARALYMPICS 2016: Was ist schon normal? / Die paralympischen Tage von Rio aus hessischer Sicht

Wenn man sich überlegt, dass die Paralympics in Rio de Janeiro um ein Haar an finanziellen Enpässen gescheitert wären, ist es um so schöner zu sehen, was für eine tolles Fest des Sport daraus noch geworden ist. Nach der Fußball-WM 2014 und Olympia war das ein zusätzliches Highlight unter dem Zuckerhut, das auch aus hessischer Sicht seine tollen Momente hatte.

Nur zwei Wochen liegen zwischen Olympia und Paralympia, weshalb die Unterschiede sehr deutlich ins Auge springen: Da war zuerst das Schaulaufen der Modellathleten, und dann kamen die Paras, die oft so herrlich „normal“ aussehen. Sie sind im Schnitt älter, viele schon über 30, manche noch älter. An ihren Körpern, denen man das jeweilige Handicap ja nicht immer ansieht, sind auch abseits der Schwerathletik mitunter ein paar Fettpölsterchen zu erkennen, die Muskulatur ist nicht immer so extrem ausdefiniert. Es ließen sich weitere Unterschiede aufmachen – dazu zählt im Falle von Rio auch der Umstand, dass die Begeisterung der Bevölkerung nach der Senkung der Ticketpreise offenbar erst bei den Behindertenspielen richtig entflammte, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass es die Menschen in Brasilien viel mehr gewohnt sind, aus einer nicht ganz perfekten Lage das Beste herauszuholen. Vor diesem Hintergrund wird vielleicht noch ein bisschen klarer, warum dieses „Nobody’s perfect“, das die Paralympics vermitteln, im Lande des Bossa Nova auf einen so fruchtbaren Boden getroffen ist. Dazu sagte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, in der ARD-Tagesschau: „Die Ränge bei den Paralympics waren teilweise voller als bei Olympia. Das hat es noch nie gegeben.“

Zwei Medaillen und viele gute Platzierungen

Von den rund 4300 Athletinnen und Athleten kamen 155 aus Deutschland. Sie gewannen 18 x Gold, 26 x Silber und 22 x Bronze, was im Medaillenspiegel den sechsten Rang bedeutet. Aus Hessen waren 15 Teilnehmer am Start, neun von ihnen im Rollstuhlbasketball, der neben der Leichtathletik einmal mehr die größte öffentliche Beachtung gefunden hat. Doch während die Männer mit Thomas Böhme, Nico Dreimüller, Jan Haller, Christoph Huber und Dirk Köhler (alle RSV Lahn-Dill) im Viertelfinale an Spanien scheiterten (66:70 Punkte), gewannen die Frauen mit Marina Mohnen, Barbara Groß und Annegret Brießmann (Mainhatten Skywheelers) sowie Annabel Breuer (RSV Lahn-Dill) die Silbermedaille. Dass der Paralympiasieg von London nicht wiederholt werden konnte, lag an den US-Girls, die das Finale klar dominierten (62:45 Punkte). Gleichwohl ist das ein großer Erfolg, zumal deutlich wurde, wie sehr das Niveau und auch die Konkurrenz in dieser paralympischen Kernsportart weiter gewachsen sind. Die zweite hessische Medaille, ebenfalls in Silber, ging an Natascha Hiltrop (SV Lengers) im Luftgewehrschießen. Die 24-jährige ist damit endgültig aus dem Schatten von Manuela Schmermund (Sg Mengshausen) herausgetreten, die mehrfach paralympisches Edelmetall gewonnen hat, darunter Gold 2004 in Athen. Diesmal war der vierte Platz im Dreistellungskampf ihr bestes Ergebnis. Bei den Ruderern steht ein unerwarteter vierter Platz von Valentin Luz (FRG Germania) mit dem LTA-Mixed-Vierer zu Buche, und Johannes Schmidt (Undine Offenbach) ist im Einer mit einem Fremdboot Elfter geworden. Da er nachnominiert worden war, konnte sein eigenes Sportgerät nicht mehr rechtzeitig nach Rio befördert werden. Schließlich waren mit dem Goalballer Michael Feistle (Marburg) sowie dem Schwimmer Daniel Christian Simon (VSG Darmstadt) auch zwei sehbehinderte Athleten aus Hessen nach Brasilien gereist. Feistle erreichte mit seinem Team das Viertelfinale, was für das noch junge Team als ein gelungener paralympischer Einstand betrachtet werden kann. Und auch Daniel Simon, der in Rio seine dritten Spiele erlebte, hat über 100m-Brust noch einmal ein paralympisches Finale erreicht, bei dem er zufriedener Siebter wurde. Im Ganzen betrachtet ist das Abschneiden der hessischen Athletinnen und Athleten mit zwei Silbermedaillen, den Viertelfinals der Rollstuhlbasketballer und Goalballer sowie mehreren Top-Platzierungen als sehr gut einzustufen – selbst wenn der ganz große Triumph diesmal fehlte. Für all diejenigen, die ihre sportliche Karriere fortsetzten werden, ist das ein guter Grund, sich für Tokio in vier Jahren zu motivieren.