Kunstturnen: Fabian Hambüchen gewinnt zwei Titel bei der DM / Er hat einen großen Schritt in Richtung Rio gemacht

Kunstturnen: Fabian Hambüchen gewinnt zwei Titel bei der DM / Er hat einen großen Schritt in Richtung Rio gemacht

Es waren die Titel Nr. 39 und Nr. 40, die Turnstar Fabian Hambüchen (TSG Niedergirmes) bei der DM in Hamburg am Reck (14,370 Punkte) und am Boden (14,825 Punkte) gewonnen hat. In beiden Fällen konnte der 28-jährige Student seine Titel aus dem Vorjahr verteidigen und befindet sich nun auf dem besten Weg nach Rio, wiewohl er aufgrund seiner Physis keinen Mehrkampf mehr turnen wird. Nachdem er wegen hartnäckiger Schulterprobleme zuletzt für mehrere Monate gar keine Wettkämpfe bestreiten konnte, beschränkte er sich schon in Hamburg auf den Boden, das Reck und den Sprung, wobei er an letzterem Gerät aus Vorsichtsgründen auf das Finale verzichtete. „Ich war zuletzt nicht gerade der glücklichste Mensch, bin seit drei Wochen aber wieder im harten Training“, sagt Hambüchen, der seinen nationalen Mehrkampftitel an Andreas Toba (Hannover/88,45 Punkte) abgeben musste. Der Unterhachinger Marcel Nguyen (86,80), der in London 2012 Silber im Mehrkampf gewann, und Philipp Herder (Berlin/86,05) komplettierten das Podium.

40 DM-Titel sind eine runde Summe

Doch erst nach einer weiteren Olympia-Qualifikation am 10. Juli in Frankfurt am Main wird sich Bundestrainer Andreas Hirsch endgültig entscheiden, wer nach Rio reisen wird oder nicht, insgesamt sind es fünf Athleten von 14, die nominiert werden. Für Fabian Hambüchen wäre es zum erklärten Ende seiner so langen wie erfolgreichen Karriere als Kunstturner die vierte Olympiateilnahme. Der Wetzlarer, der an seinem königlichen Lieblingsgerät, dem Reck, 2007 in Stuttgart Weltmeister wurde und bei den Europaspielen 2015 in Baku ebenfalls den Titel gewann, hatte mit dem Blick auf Rio ursprünglich sogar mit der Goldmedaille geliebäugelt. Nachdem er in Peking 2008 trotz Favoritenrolle mit Bronze zufrieden sein musste und sich in London auf Silber gesteigert hatte, fehlt zur Komplettierung noch olympisches Gold. Doch selbst für das Ausnahmetalent Hambüchen erscheint die Verwirklichung dieses Traums inzwischen nicht mehr so realistisch wie vielleicht noch vage nach dem Sieg von Baku im vorigen Jahr. „Ich muss ehrlich sagen, dass meine Chancen gering sind. In Baku war ich am Limit, das war schon grenzwertig“, findet Hambüchen heute. Nach zahlreichen Verletzungen, zu denen auch ein Achillessehnenriss zählt, machen sich bei ihm Verschleißerscheinungen bemerkbar, die ein behutsames und auch selektives Herangehen an Höchstleistungen erforderlich machen. Dass er bei der DM auf den Mehrkampf verzichtet hat, hängt mit seiner Schulter genauso zusammen wie die Tatsache, dass er kein außergewöhnliches Risiko eingegangen ist, um seiner beiden mutmaßlich letzten nationalen Titel habhaft zu werden. Es war seiner ganzen Routine auch hinsichtlich der Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit zu verdanken, dass er sich gegen die Jüngeren noch einmal durchsetzen konnte: „Ich horche schon sehr in mich hinein. Und es ist das A und O, dass ich mich von einer Stimmung nicht mehr so beflügeln lasse.

Das Alter spielt eine Rolle

Das Kunstturnen, so ganzheitlich es sein mag, gehört zu den Sportarten, die im Spitzenbereich ein hohes Verletzungsrisiko mit sich bringen. Fabian Hambüchen weiß das. „Vieles regeneriert bei mir nicht mehr, man kann aber die entzündlichen Prozesse rausziehen“, weiß er aus Erfahrung und beobachtet gleichwohl auch den neuesten Stand der Wissenschaft, was das Aufhalten von degenerative Prozessen angeht. Doch bei allem Nachdenken über die Gesundheit muss Bundestrainer Andreas Hirsch genauso nachdenken, welche Turner er nach Rio mitnehmen will. Von dem noch ausstehenden Leistungstest in FFM hängt vieles ab.  An den Ringen, am Pauschenpferd und am Barren wird Hambüchen nicht mehr zu sehen sein. Doch um in Brasilien eine Mannschaft bilden zu können, müssen insgesamt vier Turner an jedem Gerät antreten. Für den Altmeister muss deshalb potentiell ein sogenannter „Komplementärturner“ gefunden werden, der die Lücke füllt. Fabian Hambüchen, der ein Teamplayer ist, geht es einstweilen aber erst einmal um sein GO für RIO.